Pro­gramm 2021

Diese Son­der­auss­tel­lun­gen präsen­tieren wir Ih­nen im Jahr 2021.

Schultze Pro­ject­s#3
Min­er­va Cue­vas

06.11.2021 – Novem­ber 2023

Für die dritte Aus­gabe der Rei­he Schultze Pro­jects wird Min­er­va Cue­vas (*1975 in Mex­i­co Ci­ty) eine neue, ortsspez­i­fische Ar­beit für das Trep­pen­haus des Mu­se­um Lud­wig en­twick­eln. Der Name der Rei­he bezie­ht sich auf Ber­nard Schultze und seine Ehe­frau Ur­su­la (Schultze-Bluhm), deren Nach­lass das Mu­se­um Lud­wig ver­wal­tet und zu deren Ge­denken seit 2017 alle zwei Jahre eine kün­st­lerische Po­si­tion ein­ge­la­den wird, ein groß­for­matiges Werk für die pro­mi­nente Stirn­wand im Auf­gang zur Samm­lung anzufer­ti­gen.

Min­er­va Cue­vas ist bekan­nt für ihre recherche­basierten Pro­jekte, die sie in Form von In­s­tal­la­tion, Per­for­mance, Video und Malerei ausstellt. Ihr In­teresse gilt wirtschaftlichen und ökol­o­gischen Frages­tel­lun­gen und deren soziopoli­tischen Ver­flech­tun­gen. Dabei nimmt sie häu­fig Bezug auf den konkreten Zusam­men­hang, in dem ihre Ar­beit ent­ste­ht. So en­twick­elte sie et­wa für die Ju­biläum­sauss­tel­lung zum 40-jähri­gen Beste­hen des Mu­se­um Lud­wig eine Ar­beit in Ref­erenz auf die Peter und Irene Lud­wig Stif­tung, die 1982 als Lud­wig Stif­tung für Kunst und in­ter­na­tio­nale Ver­stän­di­gung GmbH ge­grün­det wurde. Hi­er­für ent­warf sie eine In­s­tal­la­tion aus einem sch­warzen rechtec­ki­gen Holzgerüst mit roten, gel­ben und blauen Far­bakzen­ten, die in ihr­er Kom­po­si­tion an das ab­s­trakte Gemälde von Pi­et Mon­drian Tableau I erin­n­erte. Dessen Ankauf war sein­er Zeit sehr um­strit­ten, und heute zählt es zu den High­lights der Samm­lung des Mu­se­um Lud­wig. In dies­er In­s­tal­la­tion, ähn­lich wie in ei­ni­gen ihr­er an­deren Ar­beit­en, beschäftigt sich die Kün­st­lerin mit dem ge­sellschaftlichen Po­ten­tial und den Auswirkun­gen kün­st­lerisch­er Praxis. In die­sem Sinne be­greift Min­er­va Cue­vas Kunst als ak­tiv­en Bei­trag zu sozialen Verän­derun­gen. Malerei be­nutzt sie dabei eher als Mit­tel zum Zweck und weniger als Au­sei­nan­derset­zung mit den Vo­raus­set­zun­gen und Regeln dersel­ben. Für ihre groß­for­mati­gen Wand­bilder be­di­ent sie sich mi­tun­ter der Sprache der Wer­bung, das heißt konkreten Marken­l­o­gos, die sie je­doch sig­ni­fikant verän­dert. Ihr­er kri­tischen Vorge­hen­sweise fol­gend verdeut­licht Min­er­va Cue­vas mit ihr­er Malerei die neg­a­tiv­en Auswirkun­gen der Kon­sumwelt und der wirtschaftlichen Aus­rich­tung men­sch­lichen Han­delns auf Ge­sellschaft und Umwelt.

Zu Einze­lauss­tel­lun­gen von Min­er­va Cue­vas ge­hören un­ter an­derem: Disi­den­cia, Mishkin Gallery, New York, USA (2019); No Room To Play, daad­ga­lerie, Ber­lin (2019); Dis­sidên­cia, Galpão VB – As­so­ci­ação Cul­tu­r­al Video­brasil, São Pau­lo (2018); Fine Lands, Dal­las Mu­se­um of Art, (2018); Min­er­va Cue­vas, Museo de la Ci­u­dad de Méx­i­co, (2012); Land­in­gs, Corn­er­house, Manch­es­ter, (2012); S·­COOP, Whitechapel Art Gallery, Lon­don (2010); Min­er­va Cue­vas, Van Abbe­mu­se­um, Eind­hoven, (2008); Pheno­m­e­na, Kun­sthalle Basel, (2007); Das Ex­per­i­ment 6: MVC Biotech­no­lo­gies – Für ein natür­lich­es In­ter­face, Se­ces­sion, Wien (2001); On So­ci­e­ty, MC Kunst, Los An­ge­les (2007); Egal­ité, Le Grand Café–Cen­tre d’art con­tem­po­rain, Saint Nazaire (2007); Sch­warz­fahr­er Are My Heroes, daad­ga­lerie, Ber­lin (2004); Me­jor Vi­da Corp, Ta­mayo Mu­se­um, Mex­i­co Ci­ty (2000).&nb­sp;

Ku­ra­tor: Yil­maz Dziewior

#M­Lx­Cue­vas #schultze­pro­jects

Ausstel­lung

HI­ER UND JET­ZT im Mu­se­um Lud­wig
zusam­men dafür und dage­gen

13.11.2021 - 13.2.2022

Mit der Auss­tel­lung zusam­men dafür und dage­gen konzen­tri­ert sich das Mu­se­um Lud­wig auf Po­si­tio­nen zeit­genös­sisch­er Kunst in Ja­pan und ihre his­torischen Vor­läufer*in­nen. Ein Aus­gangspunkt ist dabei die Be­trach­tung der Ja­panischen Avant­garde der 1960er Jahre aus heu­ti­gen Per­spek­tiv­en. Auf welche En­twick­lun­gen der Nachkriegszeit reagierten Kün­stler*in­nen da­mals? Was mo­tivierte ihre auf­se­hen­er­re­gen­den öf­fentlichen Ak­tio­nen? Was be­wegt das Kün­stler*in­nenkollek­tiv ChimPom und den Kün­stler Ko­ki Ta­na­ka heute, und wie bezie­hen sie sich auf diese his­torische Strö­mung?

Eine Lei­h­gabe his­torisch­er Fo­to­gra­fien von Mi­noru Hi­ra­ta ist Aus­gangspunkt der siebten Auss­tel­lung der Pro­jek­trei­he HI­ER UND JET­ZT im Mu­se­um Lud­wig. Diese stam­men aus der Samm­lung des Mu­se­um M+ in Hongkong, mit dem das Mu­se­um Lud­wig seit 2018 eine Mu­se­ums­part­n­er­schaft pflegt. Yil­maz Dziewior: „Durch die Lei­h­gabe des M+ in Hongkong wird deut­lich, dass os­tasi­atische Per­spek­tiv­en bis­lang kaum in der Samm­lung des Mu­se­um Lud­wig vertreten sind.“

Die Ja­panische Avant­garde der Nachkriegszeit ent­s­tand im An­sch­luss an die Be­satzung des US-amerikanischen Mil­itärs (1945 bis 1952) und ist eng verknüpft mit der wirtschaftlichen und ge­sellschaftlichen Neuori­en­tierung Ja­pans in dies­er Zeit. Die Demokratisierung des Lan­des un­ter dem fi­nanziellen und poli­tischen Ein­fluss der USA ging mit einem großen ökonomischen Wach­s­tum, sozialen Verän­derun­gen und ein­er kul­turellen Neu­veror­tung ein­her. Wie eng die Bin­dung Ja­pans an die USA war, zeigt sich in den bei­den Sich­er­heitsverträ­gen von 1960 und 1970. Darin wurde un­ter an­derem die Sta­tionierung des US-amerikanischen Mil­itärs fest­gelegt, die vor allem bei Stu­dent*in­nen und Gew­erkschaften auf großen Protest stieß. Die Pol­izei reagierte hi­er­auf mit heftiger Ge­walt. Im gleichen Jahrzeh­nt bere­it­ete sich Ja­pan auf die Olympischen Spiele in Tokio 1964 und die Ex­po in Os­a­ka 1970 vor, um das Land möglichst in­no­va­tiv und at­trak­tiv zu präsen­tieren.

Auf die ge­sellschaftlichen Verän­derun­gen der 1960er-Jahre reagierten junge Kün­stler*in­nen – un­ter an­derem die Mit­glied­er der Kollek­tive Neo Da­da, Hi Red Cen­ter und Ze­ro Di­men­sion – mit öf­fentlichkeitswirk­sa­men Auftrit­ten in Großstädten wie Tokio, Na­goya und Ky­o­to. In ihren pro­vokan­ten Ak­tio­nen man­i­festierte sich der Protest an his­torisch gewach­se­nen Proble­men, denn die Fol­gen des Krieges waren weitreichend: die Sta­tionierung des US-amerikanischen Mil­itärs in Ja­pan, Be­nachteili­gun­gen ge­genüber Mi­grant*in­nen und die Un­gerechtigkeit­en der Klas­sen­ge­sellschaft. Die Kün­stler*in­nen bracht­en diese Missstände ans Licht und set­zten sich für eine Demokratisierung ein. Die his­torischen Fo­to­gra­fien aus dem M+ doku­men­tieren die Ak­tio­nen und Per­for­mances ver­schie­den­er Kün­stler*in­nen-Kollek­tive der 1960er Jahre.

Zwei zeit­genös­sische Po­si­tio­nen sind die­sen ge­genübergestellt. Ein­er­seits wird das 2005 in Tokio ge­grün­dete, sech­sköp­fige Kün­stler*in­nenkollek­tiv ChimPom auf hu­mor­volle Weise in­ter­ve­nieren. Ihre Ak­tio­nen fin­d­en oft außer­halb in­sti­tu­tioneller Ein­rich­tun­gen statt. In ihren ironisch-radikalen Ak­tiv­itäten neh­men die sechs Kün­stler*in­nen Stel­lung zu aktuellen ge­sellschaftlichen und poli­tischen Fra­gen und üben Kri­tik an der Tabuisierung von den Ge­fahren der Kernkraft, Ar­mut und an­deren ge­sellschaftlichen Missver­hält­nis­sen in Ja­pan. Un­ter dem Ti­tel Dou­ble Sto­ries of Mu­se­um Lud­wig en­twick­elt das Kollek­tiv in Köln eine mehrteilige Ar­beit, die ver­schie­dene Aus­tausch­prozesse zwischen In­nen- und Außen­raum er­möglicht. Spon­tan ange­fragte Straßen­musik­er*in­nen geben im Mu­se­um Lud­wig ein Konz­ert. Die Mo­tive aus Hans Haack­es Der Pra­li­nen­meis­ter (1981) aus der Samm­lung des Mu­se­um Lud­wig fin­d­en sich auf Ver­pack­un­gen türkisch­er Süßigkeit­en in der Feinkon­di­tor­ei Hasan Öz­dağ auf der Ke­up­s­traße in Mül­heim wied­er. Auch wer­den fünf Fußball­spie­lerin­nen der Frauen­mann­schaft des 1. FC Köln Bal­lab­drücke im Auss­tel­lungs­raum hin­ter­lassen.

Im Ge­gen­satz zu den un­mit­tel­bar vor Ort en­twick­el­ten in­ter­ak­tiv­en Pro­jek­ten vom ChimPom, plant der Kün­stler Ko­ki Ta­na­ka (*1975 in Tochi­gi) seine Ar­beit­en von langer Hand. Be­wusst bringt er Per­so­n­en un­ter­schiedlich­er Gen­er­a­tio­nen und Herkunft zusam­men. Häu­fig doku­men­tiert und ve­rar­beit­et Ta­na­ka die Prozesse der Zusam­me­nar­beit in Form von Fo­to- und Videoin­s­tal­la­tio­nen. Nicht erst seit der Nuk­lear­ka­tas­tro­phe von Fukushi­ma kreisen seine Ar­beit­en um das Ver­hal­ten von Ge­mein­schaften in Aus­nahme­si­t­u­a­tio­nen. Wie en­twick­eln Men­schen durch das Ver­lassen ihr­er er­probten Rou­ti­nen Po­ten­tiale des Wider­stän­di­gen? Die Videoin­s­tal­la­tion Ab­s­tract­ed/Fam­i­ly (2019/2020) the­ma­tisiert ja­panische Mi­gra­tions­geschichte und den All­t­ags­ras­si­mus in Ja­pan. Vi­er Pro­ta­g­on­ist*in­nen aus Ja­pan, deren Fam­i­lien aus Banglade­sch, Brasilien, Bo­livien und der ko­re­anischen Hal­binsel stam­men, ve­rar­beit­en darin ge­mein­sam ihre trau­ma­tischen Er­fahrun­gen.

Ku­ra­torin: Na­na Tazuke

#HIERUND­JET­ZT #HEREAND­NOW #da­fuerunddage­gen

Mar­cel Oden­bach
Wolf­gang-Hahn-Preis 2021

17.11.2021 – 20.2.2022

Mar­cel Oden­bach wird mit dem 27. Wolf­gang-Hahn-Preis der Ge­sellschaft für Mod­erne Kunst am Mu­se­um Lud­wig aus­gezeich­net. Für die Ju­ry, beste­hend aus Su­sanne Pf­ef­fer, Di­rek­torin des Mu­se­ums für Mod­erne Kunst in Frank­furt am Main, Yil­maz Dziewior, Di­rek­tor des Mu­se­um Lud­wig sowie den Vor­s­tands­mit­glied­ern der Ge­sellschaft für Mod­erne Kunst be­grün­dete Gastjurorin Su­sanne Pef­fer die Entschei­dung des Gre­mi­ums:

„Kon­struk­tio­nen von kul­tureller Iden­tität wie Gen­der sind in den Zeich­nun­gen, Col­la­gen, Videos und In­s­tal­la­tio­nen von Mar­cel Oden­bach seit Jahrzeh­n­ten dezi­diert The­ma. Nicht allein das Ei­gene, son­dern das An­dere ist stets der Aus­gangspunkt. Ex­per­i­men­tell in der Form sowie the­o­retisch fundiert, schafft Mar­cel Oden­bach Werke, die his­torische Verbin­dungs­linien zwischen Ko­lo­nial­is­mus und Glob­al­isierung wie auch die Ge­walt des Nor­ma­tiv­en und der Repräsen­ta­tion of­fen­le­gen und spür­bar machen.“

Das Prinzip des Col­lagierens zeigt sich in Oden­bachs Sch­nittvor­la­gen, die für die Samm­lung des Mu­se­ums er­wor­ben wer­den. Diese sind Bil­darchiv und zen­trale Ar­beits­grund­lage des Kün­stlers zu­gleich und nun er­st­mals in der Öf­fentlichkeit zu se­hen. Be­gon­nen im Jahr 1990 um­fassen sie über 100 Blät­ter, meist im DIN A3-For­mat. Die Fo­to­col­la­gen sind es­sen­tiell für den konzeptuellen An­satz Oden­bachs und eröff­nen den Be­such­er*in­nen des Mu­se­ums neue Ein­blicke in die Ar­beitsweise des diesjähri­gen Wolf­gang-Hahn-Preisträgers.

Mar­cel Oden­bach, *1953 in Köln, lebt und ar­beit­et in Köln, Ber­lin und Cape Coast, Gha­na. Seine er­ste in­sti­tu­tionelle Einze­lauss­tel­lung hatte der Kün­stler bere­its während seines Stu­di­ums 1978 bei der Stif­tung De Ap­pel in Am­s­ter­dam. Es fol­gten Einze­lauss­tel­lun­gen u.a. im Kun­st­mu­se­um Bonn (2013), Tel Aviv Mu­se­um of Art (2016) und der Kun­sthalle Wien (2017). Oden­bach war 1988 an der doc­u­men­ta 8 beteiligt, 2005 an der Shar­jah Bi­en­nale 7, 2012 an der Kochi-Muziris Bi­en­nale und 2018 an der Bu­san Bi­en­nale. Seit 2010 lehrt Oden­bach Film und Video an der Kun­s­takademie Düs­sel­dorf. Vom 9.10.2021 bis 9.1.2022 zeigt die Kun­st­samm­lung Nor­drhein-West­falen die um­fan­greiche Über­blicksschau „Mar­cel Oden­bach. So oder so“ im K21.

#wolf­gang­hah­n­preis #M­Lx­O­den­bach