Lucia Moholy
Fotogeschichte schreiben

12. Ok­to­ber 2019 – 2. Fe­bruar 2020

An­läss­lich des Bauhaus-Ju­biläums wid­met sich das Mu­se­um Lud­wig mit ein­er klei­nen Präsen­ta­tion im Fo­to­raum der Fo­to­grafin und Fo­to­his­torik­erin Lu­cia Mo­ho­ly. In die­sem Rah­men wer­den auch drei neuer­wor­bene Vin­tage Prints von Lu­cia Mo­ho­ly er­st­mals gezeigt. Neben ihren fo­to­gra­fischen Werken wer­den auch Briefe aus dem Archiv des Mu­se­um Lud­wig präsen­tiert, die ei­nen re­gen Aus­tausch zwischen Mo­ho­ly und dem Fo­to­samm­ler und -his­torik­er Erich Stenger bele­gen. Ge­mein­sam hat­ten sie um 1932 vor, ein Buch über die Geschichte der Fo­to­gra­fie zu schreiben. Der Auf­stieg der Na­tio­n­al­sozial­is­ten trieb Mo­ho­ly je­doch in die Emi­gra­tion, während Stenger in Deutsch­land zum ge­fragten Ex­perten auf dem Ge­bi­et avancierte. Mo­ho­ly veröf­fentlichte sch­ließlich selb­st­ständig in Lon­don 1939 A Hun­dred Years of Pho­tog­ra­phy 1839–1939.

Ihr Buch wurde der er­hoffte Kassen­sch­lager und en­thielt für seine Zeit Ge­danken zur Fo­to­gra­fie, die radikal neu waren: Fo­to­gra­fie und Malerei wur­den als zwei gleich­w­ertige Wege beschrieben, beispiel­sweise „ab­s­trakte Bilder“ herzustellen: „Fo­to­gra­fie wurde (…) von eini­gen ab­s­trak­ten Malern als neues Medi­um aufgenom­men, mit dem sie ver­sucht­en, ihrem Ge­fühl für Aus­ge­wo­gen­heit Aus­druck zu ver­lei­hen. Es sind der in Frankreich lebende Man Ray, und Mo­ho­ly-Na­gy in den USA. Sie grif­f­en die Meth­ode der ‚Fo­to­genischen Zeich­nung‘ auf, ent­deckt von Schulze 1727 und Fox Tal­bot vor 1834 bekan­nt, und wen­de­ten sie auf spezielle Weise an. (…) Die Frage, ob die Fo­to­gra­fie ir­gen­deinem Ein­fluss der ab­s­trak­ten Kunst un­ter­wor­fen wor­den sei, stellt sich aber nicht in Bezug auf diese Bilder. Es war ein Prozess der An­gleichung, nicht der Bee­in­flus­sung.“

Lu­cia Mo­ho­ly selbst hatte als Fo­to­grafin ge­mein­sam mit ihrem da­ma­li­gen Part­n­er, dem Maler und Bauhaus-Lehr­er Lás­zló Mo­ho­ly-Na­gy Fo­to­gramme (die auch als fo­to­genische Zeich­nung bezeich­net wur­den) en­twick­elt. Ein Fo­to­gramm ist eine kam­er­alose Fo­to­gra­fie, bei der Ob­jekte auf lichtempfind­lich­es Pa­pi­er gelegt und be­lichtet wer­den. Ihr Schat­ten bleibt auf dem Pa­pi­er als helle Fläche zurück. Als (Kunst-)his­torik­erin führte sie das Ver­fahren auf frühe fo­to­gra­fische Ex­per­i­mente zurück, wie Jo­hann Hein­rich Schulzes Ent­deck­ung der Lichtempfind­lichkeit von Sil­ber­salzen im 18. Jahrhun­dert oder Wil­li­am Hen­ry Fox Tal­bots er­ste Fo­to­gramme aus den 1830er Jahren. Das heißt, sie fand die Wurzel fo­to­gra­fisch-krea­tiv­en Ar­beit­ens bere­its in der Vorgeschichte der Fo­to­gra­fie, was den zeit­genös­sischen Werken noch mehr Gewicht – eine Tra­di­tion – zus­prach. Außer­dem beschrieb sie Fo­to­gramme als gleich­w­ertig zu ab­s­trak­ten Ten­denzen in der Malerei.

Wie zukunftsweisend Mo­holys Fo­to­geschichte damit war, zeigt sich be­son­ders im Ver­gleich zu dem Buch Die Pho­to­gra­phie in Kul­tur und Tech­nik. Ihre Geschichte während hun­dert Jahren von Erich Stenger. Für ihn war die Fo­to­gra­fie vor allem eine Tech­nik, die auf vielen Ge­bi­eten An­wen­dung fand, nicht aber eine Möglichkeit krea­tiv­en Aus­drucks. Er schrieb über das Fo­to­gramm: „ Wenn man sich beg­nügt, die Licht-Schat­ten-Verteilung ir­gen­deines in einem Lichtkegel befind­lichen Ge­gen­s­tan­des bild­mäßig festzuhal­ten, den Ge­gen­s­tand al­so nur in seinem Schat­ten­riss, nicht als pho­to­graphisch­es Bild, wied­erzugeben, so ge­langt man zum ‚Pho­to­gramm‘ (…). Es ent­s­tan­den gele­gentlich spie­lerisch reizvolle Schat­ten­bilder in dies­er ‚kam­er­alosen‘ Betä­ti­gung, die mit der ob­jek­tiv­en Licht­bild­nerei nichts ge­mein hat.“ Stengers ironisch­er, um nicht zu sa­gen her­ablassen­der Ton und sein konser­va­tiv­er Kun­st­gesch­mack, machen es sch­w­er, sich eine ge­mein­same Fo­to­geschichte von ihm und Lu­cia Mo­ho­ly vorzustellen. Um­so über­raschen­der ist die Erken­nt­nis, dass sie darüber nach­dacht­en.

Grund­lage ihr­er bei­der Forschun­gen war die Samm­lung Stenger, die heute als Teil der Samm­lung Ag­fa im Mu­se­um Lud­wig ver­wahrt wird. Hi­er sah Mo­ho­ly frühe Fo­to­gramme von Tal­bot, von de­nen eines in der aktuellen Präsen­ta­tion gezeigt wird. Durch Erich Stenger er­fuhr Mo­ho­ly auch von Jo­hann Hein­rich Schulzes frühen Ex­per­i­men­ten. Während Stenger die Verbin­dung zu den „reizvollen Schat­ten­bildern“ sein­er Ge­gen­wart nicht ge­lang, span­nte Mo­ho­ly den großen Bo­gen. Ein Grund mehr, ihre Geschichte im Mu­se­um Lud­wig zu würdi­gen.

Ku­ra­torin: Miri­am Szwast

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