Günter Peter Straschek (Mitte), Carlos Bustamante (links) und Johannes Beringer (rechts) am Set von Labriola, 1970, Foto: Michael Biron

HIER UND JETZT im Museum Ludwig:
Günter Peter Straschek
Emigration – Film – Politik

3. März – 1. Juli 2018

Eröff­nung: Fre­i­tag, 2. März 2018, 19 Uhr

Gün­ter Peter Straschek (1942–2009) war Filme­mach­er, His­torik­er und der wohl größte Ken­n­er der Filmemi­gra­tion aus Nazideutsch­land: So der Ti­tel sein­er fünf­stündi­gen Fernseh­serie (1975), die über vi­er Jahrzeh­nte im Archiv des WDR sch­lum­merte. Jet­zt rückt das Mu­se­um Lud­wig sie in das Zen­trum der er­sten Ausstel­lung zu Strascheks filmischem Schaf­fen. Zu se­hen ist auch sein ri­g­oros­es Früh­w­erk, darun­ter zum er­sten Mal der Kurz­film Ein West­ern für den SDS, der 1968 besch­lag­nahmt, nie aufge­führt und eben de­shalb zur Le­g­ende wurde. Der West­ern und der 1970 ge­dre­hte Film Zum Be­griff des „kri­tischen Kom­mu­nis­mus“ bei An­to­nio Labri­o­la (1843–1904) gal­ten als ver­s­chollen. Beide Filme wur­den während der Vor­bere­i­tung der Ausstel­lung ge­fun­den.

Der Öster­reich­er Gün­ter Peter Straschek ge­hörte wie Hart­mut Bi­t­om­sky, Harun Faroc­ki und Helke San­der dem er­sten Jahr­gang der Deutschen Film- und Fernse­hakademie (DFFB) an, der 1966 seine Aus­bil­dung in West­ber­lin auf­nahm. Die Film­s­tu­dent*in­nen bracht­en sich in die Neue Linke ein, sie doku­men­tierten soziales Elend, zeich­neten De­mon­s­tra­tio­nen auf, un­ter­stützten Kam­pag­nen. Strascheks er­ster Film Hur­ra für Frau E. (1966) ist das nüchterne Porträt ein­er Mut­ter, die mit Pros­ti­tu­tion die staatliche Für­sorge aufbessert. Sein West­ern für den SDS (1967/68) schildert die En­twick­lung der Linken als Lern­prozess von Frauen, die in der Be­we­gung ihr Be­wusst­sein schär­fen, aber weit­er­hin nichts zu sa­gen haben. Die Querelen um den Film zeigt die DFFB-„Wochen­schau“ Re­quiem für eine Fir­ma (1969). Der West­ern wird von der Di­rek­tion besch­lag­nahmt, 18 Stu­den­ten, die sich mit Straschek soli­darisiert haben, wer­den von der Akademie relegiert. Die „rev­o­lu­tionäre Fil­mar­beit“, der sie sich in die­sen Mo­nat­en wid­men (Straschek und Meins dre­hen mit Frank­furter Schüler*in­nen), kommt bald zum Er­lie­gen. Strascheks Zum Be­griff des „kri­tischen Kom­mu­nis­mus“ bei An­to­nio Labri­o­la weist auf die Kluft zwischen Ar­beit­ern und In­tellektuellen hin und schildert so bis­sig wie witzig die „Sch­wierigkeit­en der Rev­o­lu­tion“ (Labri­o­la).

In den frühen 1970er Jahren wen­det sich Straschek der Filmgeschichte zu. Während der Ar­beit an seinem Hand­buch wider das Ki­no (1975) stößt er auf das The­ma, das ihn bis zu seinem Tod beschäfti­gen wird: das Ex­il von Film­schaf­fen­d­en aus dem na­tio­n­al­sozial­is­tischen Deutsch­land. Über 2.000 Film­leute mussten vor den Nazis flie­hen, von Promi­nen­ten wie Bil­ly Wilder oder Lotte H. Eis­n­er bis zu un­zäh­li­gen heute vergesse­nen Schaus­piel­er*in­nen, Cut­ter*in­nen und Au­tor*in­nen.

Straschek ist meist der er­ste und oft der einzige, der sich für ihren Leben­sweg in­teressiert. In der WDR-Fernseh­serie kom­men 50 von ih­nen zu Wort. Die Ein­stel­lun­gen sind meist un­be­wegt und außergewöhn­lich streng kom­poniert. Strascheks Blick ist so präzise wie ein­fühl­sam: ein be­har­r­lich­er Blick, der die ver­leugnete Ver­gan­gen­heit auf die Tage­sord­nung set­zt.

Geschult hat er die­sen Blick auch im Ki­no, et­wa am kom­pro­miss­losen Werk der Filme­mach­er Jean-Marie Straub und Danièle Huil­let, mit de­nen er seit Mitte der 1960er Jahre be­fre­un­det ist. In der Ausstel­lung ist Straubs und Huil­lets Ein­lei­tung zu Arnold Schoen­bergs „Be­gleit­musik zu ein­er Licht­spielscene" (1972) zu se­hen. Straschek li­est darin Briefe aus den 1920er Jahren, in de­nen Schoen­berg an­ti­semi­tische Be­merkun­gen Wass­i­ly Kandin­skys scharf zurück­weist.

Die Ausstel­lung wurde vom Ber­lin­er Kün­stler Er­an Schaerf ges­tal­tet.

Ku­ra­torin: Ju­lia Frie­drich

Über die Rei­he HI­ER UND JET­ZT im Mu­se­um Lud­wig

Gün­ter Peter Straschek. Emi­gra­tion – Film – Pol­i­tik ist die vierte Ausstel­lung in­n­er­halb der Pro­jek­trei­he HI­ER UND JET­ZT im Mu­se­um Lud­wig. Hier­bei han­delt es sich um ein ex­per­i­men­telles For­mat, bei dem die Ausstel­lungspraxis neu ver­han­delt wird und sich öffnet für Po­si­tio­nen, die nicht zwin­gend aus der bil­den­den Kunst kom­men müssen.

Die Ausstel­lung wird un­ter­stützt von:
Ko­op­er­a­tions­part­n­er:

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